Unerwünschte Tochter – eine Geschichte, die niemand hören wollte

„Warum kannst du nicht einfach normal sein, Anna?“ Die Stimme meiner Mutter hallte durch die kleine Küche unserer Altbauwohnung in Leipzig. Ich stand am Fenster, die Hände um eine Tasse kalten Tee gekrampft, und starrte hinaus auf den grauen Innenhof. Es war wieder einer dieser Tage, an denen ich mir wünschte, ich wäre jemand anderes – oder gar nicht da.

„Was meinst du mit normal?“, fragte ich leise, obwohl ich die Antwort längst kannte. Meine Mutter seufzte, als wäre ich eine Last, die sie seit Jahren mit sich herumschleppte. „Du bist so empfindlich. Immer dieses Theater. Warum kannst du nicht einfach wie andere Mädchen sein? Deine Cousine Lisa hat schon einen Freund und studiert Medizin. Und du? Du schreibst Gedichte und träumst vor dich hin.“

Ich spürte, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildete. Mein Vater saß am Küchentisch, die Zeitung vor dem Gesicht, als wäre er unsichtbar. Er sagte nie etwas, wenn meine Mutter mich kritisierte. Manchmal fragte ich mich, ob er mich überhaupt wahrnahm.

Ich war das zweite Kind, aber das erste Mädchen. Mein Bruder Paul war drei Jahre älter und der ganze Stolz meiner Mutter. „Paul wird mal was erreichen“, sagte sie oft zu ihren Freundinnen am Telefon. „Anna… na ja, sie ist halt Anna.“

In der Schule war ich still und zurückhaltend. Die Lehrer lobten meine Aufsätze, aber das interessierte zu Hause niemanden. „Was bringt dir das Schreiben?“, fragte meine Mutter einmal spöttisch. „Davon kann man nicht leben.“

Mit 16 begann ich, mich immer mehr zurückzuziehen. Ich verbrachte Stunden in der Stadtbibliothek oder auf dem Dachboden unseres Hauses, wo ich zwischen alten Kisten und vergilbten Fotoalben Zuflucht suchte. Dort schrieb ich meine Gedanken in ein Notizbuch – Gedichte über Einsamkeit, Sehnsucht und den Wunsch nach Freiheit.

Eines Abends hörte ich meine Eltern streiten. Die Tür zum Wohnzimmer war nur angelehnt.

„Sie ist so anders, Gerhard! Ich weiß nicht mehr weiter mit ihr.“

„Lass sie doch in Ruhe, Ingrid“, murmelte mein Vater. „Sie ist eben sensibel.“

„Sensibel? Sie ist faul! Sie macht nichts aus ihrem Leben.“

Ich presste die Hände auf die Ohren und wünschte mir, ich könnte verschwinden.

Als ich 18 wurde, bestand meine Mutter darauf, dass ich eine Ausbildung zur Bürokauffrau mache. „Etwas Sicheres“, sagte sie. Ich wollte Literatur studieren, aber das war für sie keine Option.

„Du wirst dich noch bedanken“, sagte sie am Tag meines Vorstellungsgesprächs bei einer Versicherungsgesellschaft in der Innenstadt.

Ich saß im Wartezimmer, das Herz raste mir bis zum Hals. Neben mir blätterte eine junge Frau in einer Modezeitschrift. Ich fühlte mich fehl am Platz – wie immer.

Das Gespräch verlief schlecht. Ich stotterte, verhaspelte mich und verließ das Gebäude mit Tränen in den Augen.

Zu Hause wartete meine Mutter schon auf mich.

„Und?“, fragte sie ohne aufzusehen.

„Es hat nicht geklappt“, flüsterte ich.

Sie schnaubte verächtlich. „Natürlich nicht. Du bist eben nicht gemacht für die echte Welt.“

In dieser Nacht packte ich zum ersten Mal meinen Rucksack und überlegte, einfach zu gehen. Aber wohin? Ich hatte kein Geld, keine Freunde außerhalb der Schule – nur meine Notizbücher.

Paul war inzwischen ausgezogen und studierte Maschinenbau in Dresden. Wenn er zu Besuch kam, brachte er Geschenke mit – für meine Mutter. Für mich hatte er selten ein Wort übrig.

Eines Tages fand ich einen Brief im Briefkasten. Es war eine Zusage für ein Stipendium an der Universität Leipzig – für ein Literaturstudium! Ich hatte mich heimlich beworben.

Mein Herz schlug schneller, als ich den Brief meiner Mutter zeigte.

Sie las ihn durch und schüttelte den Kopf. „Das ist doch nichts Richtiges! Wie willst du damit Geld verdienen?“

„Ich will es wenigstens versuchen“, sagte ich leise.

Sie lachte bitter. „Du wirst schon sehen, wohin dich deine Träumerei bringt.“

Mein Vater sah mich an – zum ersten Mal seit Monaten wirklich an – und nickte kaum merklich.

Am Abend saß ich auf meinem Bett und starrte an die Decke. Ich wusste: Wenn ich jetzt nicht gehe, werde ich hier nie rauskommen.

Am nächsten Morgen packte ich meine Sachen. Meine Mutter stand in der Tür.

„Du wirst es bereuen“, sagte sie kalt.

Ich antwortete nicht. Ich ging einfach.

Die ersten Wochen in der neuen Wohnung waren hart. Das Geld vom Stipendium reichte kaum für Miete und Essen. Ich arbeitete abends in einer kleinen Buchhandlung in der Südvorstadt und lernte tagsüber für die Uni.

Manchmal saß ich nachts am Fenster und fragte mich, ob meine Mutter recht hatte. Ob ich scheitern würde.

Doch dann lernte ich Lara kennen – eine Kommilitonin aus München, die ebenfalls gegen den Willen ihrer Eltern Literatur studierte.

Wir verbrachten Nächte damit, über Bücher zu sprechen, Gedichte zu schreiben und von einer besseren Zukunft zu träumen.

Eines Tages rief meine Mutter an. Ich zögerte lange, bevor ich ranging.

„Anna?“, ihre Stimme klang müde.

„Ja?“

„Dein Vater ist krank… Es wäre gut, wenn du mal vorbeikommst.“

Ich fuhr nach Hause – mit gemischten Gefühlen. Mein Vater lag im Bett, blass und schwach.

Er lächelte schwach, als er mich sah. „Ich bin stolz auf dich“, flüsterte er.

Meine Mutter stand am Fenster und sah hinaus – wie früher ich.

Wir sprachen kaum miteinander. Als mein Vater starb, war es still im Haus. Paul kam zur Beerdigung und verschwand gleich wieder nach Dresden.

Nach der Beerdigung saßen meine Mutter und ich schweigend am Küchentisch.

„Du bist jetzt ganz allein“, sagte sie plötzlich.

Ich sah sie an – zum ersten Mal ohne Angst oder Wut.

„Nein“, antwortete ich ruhig. „Ich habe mein Leben.“

Sie schwieg lange. Dann sagte sie leise: „Vielleicht habe ich Fehler gemacht…“

Ich nickte nur und ging hinaus in den Regen.

Heute lebe ich immer noch in Leipzig, arbeite als Lektorin in einem kleinen Verlag und schreibe nebenbei Gedichte. Manchmal frage ich mich: Was wäre gewesen, wenn ich geblieben wäre? Hätte ich je gelernt zu leben? Oder muss man manchmal alles hinter sich lassen, um wirklich frei zu sein?