Zwischen den Mauern von München: Bin ich genug?

„Du hast wieder vergessen, die Milch zu kaufen, Anna! Wie willst du so vier Kinder großziehen?“ Die Stimme meiner Mutter Gertrud hallt durch die kleine Küche unserer Münchner Wohnung. Ich spüre, wie sich mein Magen zusammenzieht. Es ist sieben Uhr morgens, der Regen prasselt gegen die Fensterscheiben, und ich habe kaum geschlafen. Die Jüngste, Mia, hat die halbe Nacht geweint.

Ich atme tief durch, versuche ruhig zu bleiben. „Mama, ich hab’s einfach nicht geschafft gestern. Ich war mit Felix beim Arzt und dann…“

„Immer Ausreden! Früher hätten wir uns sowas nicht leisten können. Du bist viel zu nachgiebig mit den Kindern.“

Ich sehe zu meinen Kindern hinüber, die am Tisch sitzen und schweigend ihr Brot kauen. Felix kratzt nervös an seinem Ärmel, Mia starrt auf ihre Tasse. Mein Mann Thomas ist schon zur Arbeit – er verlässt das Haus immer vor Sonnenaufgang, um auf der Baustelle pünktlich zu sein. Ich bin allein mit allem.

Nach dem Frühstück schiebe ich die Kinder zur Schule und in den Kindergarten. Der Regen hat nachgelassen, aber in mir tobt ein Sturm. Ich frage mich, ob ich wirklich alles falsch mache. Meine Mutter lebt seit dem Tod meines Vaters bei uns. Sie hilft viel, aber ihre Kritik ist wie ein ständiger Nadelstich.

Als ich nach Hause komme, finde ich Gertrud am Fenster. Sie sieht mich nicht an. „Früher war alles einfacher“, murmelt sie. „Wir hatten nichts, aber wir waren zufrieden.“

Ich will ihr sagen, dass heute alles anders ist – dass die Mieten steigen, dass Thomas und ich kaum über die Runden kommen, dass ich nachts wach liege und mir Sorgen mache, wie wir den nächsten Monat schaffen sollen. Aber ich schweige.

Am Nachmittag hole ich die Kinder ab. Felix hat Ärger in der Schule gehabt – wieder eine Schlägerei auf dem Pausenhof. Die Lehrerin sieht mich streng an: „Frau Berger, wir müssen dringend reden.“

Zu Hause kracht es dann richtig. Felix schreit: „Du verstehst mich nie! Immer bist du nur mit Oma beschäftigt!“ Mia weint leise in ihrem Zimmer. Ich spüre, wie mir die Tränen in die Augen steigen.

Abends sitze ich mit Thomas auf dem Sofa. Er legt seinen Arm um mich. „Es wird besser werden“, sagt er leise. Aber ich weiß nicht, ob ich ihm glauben kann.

Später höre ich meine Mutter im Flur mit sich selbst reden: „Damals hätte es das nicht gegeben…“ Ich schleiche mich ins Kinderzimmer und sehe meine vier Kinder schlafen. Ihre Gesichter sind friedlich – so anders als am Tag.

In der Nacht liege ich wach. Gedanken rasen durch meinen Kopf: Bin ich zu streng? Zu weich? Zu wenig da? Ich erinnere mich an meine eigene Kindheit in einem kleinen Dorf bei Rosenheim. Meine Mutter war hart, mein Vater selten daheim. Ich wollte nie so werden wie sie – aber jetzt höre ich ihre Worte aus meinem eigenen Mund.

Am nächsten Morgen steht Gertrud schon in der Küche. „Du musst dich mehr durchsetzen“, sagt sie ohne Begrüßung. „Die Kinder tanzen dir auf der Nase herum.“

Ich halte inne. „Mama, vielleicht hast du recht“, sage ich leise. „Aber vielleicht brauchen sie auch einfach nur jemanden, der sie versteht.“

Sie sieht mich lange an. Zum ersten Mal seit Wochen scheint sie nachzudenken.

Die Tage vergehen im gleichen Trott: Schule, Arbeit, Haushalt, Streitigkeiten. Felix wird ruhiger, Mia lacht wieder öfter. Aber das Geld reicht nie – immer ist am Ende des Monats noch so viel Monat übrig.

Eines Abends kommt Thomas früher nach Hause. Er hat eine Flasche Wein dabei – ein Luxus für uns. „Wir schaffen das“, sagt er und nimmt meine Hand.

Später sitze ich allein am Fenster und sehe auf die Lichter der Stadt. Ich denke an all die Mütter in München und überall in Deutschland, die kämpfen wie ich – gegen Erwartungen, gegen Armut, gegen sich selbst.

Meine Mutter kommt herein und setzt sich neben mich. „Weißt du“, sagt sie leise, „ich wollte immer nur das Beste für dich.“

Ich nicke und spüre Tränen auf meinen Wangen.

„Vielleicht bin ich manchmal zu hart“, fährt sie fort. „Aber du machst das gut.“

Zum ersten Mal seit Langem fühle ich mich gesehen.

In dieser Nacht schlafe ich ein wenig besser. Aber als der Morgen graut und der Alltag wieder beginnt, bleibt eine Frage in meinem Herzen:

Bin ich genug? Oder werden meine Kinder später auch einmal sagen: ‚Du hast es nicht geschafft‘? Was bedeutet es eigentlich wirklich, eine gute Mutter zu sein?